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7. Kapitel (24)

Es ist ein Ort der Stärke, und das bißchen, was ich noch auf der Welt besitze, ist hier verwahrt. Ich werde es bewahren, dem Kaiser und seinen Teufeln zum Trotz!“ Der Turm wirkte von außen riesig, aber seine Mauern waren so dick, daß innen nur Platz für eine schmale Wendeltreppe war. Oben angekommen, schob Pepi den Riegel beiseite, stieß eine Falltür auf und sie betraten die Plattform draußen. Der Himmel verdüsterte sich langsam, aber im Westen schimmerte es orange und ringsum erstreckte sich die weite, dämmerige Ebene der Lombardei. Unter ihnen lag die Stadt Cremona, die so still und friedlich wirkte, als ob ihre Bewohner in völliger Sicherheit lebten. Sie schauten ein paar Minuten schweigend vor sich hin, Castruccio auf die weite Landschaft und Pepi auf die dicken Mauern seines Turms. Schließlich sagte ersterer: „Ein böser Stern verfolgt Euch, Messer Benedetto, und ich fürchte, daß Ihr unter einer unheilvollen Konstellation geboren wurdet.“

7. Kapitel (23)

Schließlich entdeckte er ihn – er stand in einer Ecke und füllte große Krüge aus einem Weinfaß. Er sprach ihn in mitfühlendem Ton an, und Pepi blickte mit seinen kleinen hellen Augen auf. Seine Miene zeigte mehr Freude als Kummer. Er erkannte seinen Gast, ließ sein Weinfaß im Stich und führte Castruccio hinaus, denn bei dem Krach, den die ungehobelten Gäste machten, konnten sie kaum ihr eigenes Wort verstehen. Sie stiegen die steile schmale Treppe hinauf, und als Castruccio über das schlechte Licht klagte, sagte Pepi: „Gehen wir nach oben in meinen Turm. Die Sonne ist vor zehn Minuten untergegangen, und auch wenn es sonst überall dunkel ist, ist es dort noch hell. Wartet einen Moment, ich hole den Schlüssel.“ Pepi ging die Treppe hinunter, und Castruccio sah durch eine kleine Luke, wie er den Hof überquerte. Nach ein paar Minuten kam er bedächtigen Schrittes zurück und sagte zu Castruccio: „Diese deutschen Grobiane essen und trinken jetzt und werden uns nicht bemerken. Aber seien wir...

7. Kapitel (22)

Die wenigen Fenster waren klein, vergittert und lagen tief im Mauerwerk, er hatte einen hohen Turm, dessen Luken erkennen ließen, daß er ungewöhnlich dick war; oben umgab ihn eine Brüstung mit Türmchen. Auch sonst ähnelte das Schloß mehr einer Burg als einem Palast. Der Eingang war dunkel, und nach der Anzahl der Lücken in den Wänden zu urteilen, hatte er offenbar viele Türen gehabt, aber sie waren alle verschwunden, und man hatte freien Zugang. Castruccio schritt vorwärts. Im Erdgeschoß befanden sich zwei große Hallen, in beiden wimmelte es von deutschen Soldaten. Es waren hohe, dunkle, kahle Räume, die mehr an ein Gefängnis erinnerten als an einen Palast. In einem von ihnen lagen Matratzen auf dem gefliesten Boden, in einem anderen brannte mitten im Zimmer ein Feuer, und mehrere Leute waren dabei, Essen zuzubereiten. Ein Tisch in der Nähe war reichlich mit Braten und Schwarzbrot gedeckt, an jedem Ende standen zwei Jungen mit einer lodernden Fackel in der Hand und die Soldaten nah...

7. Kapitel (21)

Als Castruccio in die Stadt zurückkehrte, sah er am Ende der Straße eine Gestalt, und das erinnerte ihn an jemanden, den er fast vergessen hatte – Benedetto Pepi. „Herrje! Armer Kerl“, sagte Castruccio zu sich selbst, „die Plünderungen der Deutschen werden Euch sehr zusetzen! Nun, da ich Euch einst das Leben gerettet haben, werde ich jetzt, falls es noch nicht zu spät ist, versuchen, die Reste Eures Eigentums zu retten.“ Er fragte einen Passanten nach dem Weg zum Haus von Benedetto Pepi. „Wenn Ihr Benedetto den Reichen meint, falls man in dieser unglückseligen Stadt noch jemanden reich nennen kann“, antwortete der Mann, „führe ich Euch zu seinem Haus.“ „Meinen Pepi sollte man eher den Armen nennen, denke ich, aber führt mich zu Benedetto dem Reichen. Wenn er von großer, magerer Gestalt ist und ein runzliges, ledernes Gesicht hat, ist er der Mann, den ich suche.“ Der Passant führte Castruccio in den am höchsten gelegenen Teil der Stadt zu einem Palast, dessen Mauern aus großen Stei...

7. Kapitel (20)

In den nächsten Tagen bot sich ihnen immer wieder das gleiche Bild, und es hätte auch das härteste Herz erweicht, den Kummer in den Gesichter der vielen Menschen zu sehen, deren Leben früher paradiesisch gewesen war. Junge Mütter weinten um ihre unglücklichen Sprößlinge, deren Väter im Grab lagen oder im Gefängnis vegetierten, Kinder, die um Brot weinten und auf den Stufen der Paläste ihrer Väter saßen, in denen das Militär wütete, kinderlose Eltern, die um ihre ermordeten Säuglinge trauerten, Waisenkinder, hilflos und sterbend, deren Eltern nichts mehr für sie tun konnten. Castruccio weinte, obwohl er Soldat war, aber Arrigo, der nie zuvor das Elend des Krieges gesehen hatte, geriet beinahe außer sich vor Wut und Mitleid, er stieß lauthals bittere Flüche hervor, Tränen liefen ihm über die Wangen, und seine Stimme, gebrochen und scharf, war nicht geeignet, sein Entsetzen zu bekunden. Castruccio mußte ihn zuletzt mit Gewalt von dem Schauplatz des Schreckens wegzerren und beschwichtigte ...

7. Kapitel (19)

Als die Nacht anbrach, waren die Soldaten müde vom Plündern und legten sich in die Betten, aus denen die rechtmäßigen Besitzer verbannt worden waren. Stille trat ein – eine schreckliche Stille, die manchmal vom Schrei einer Frau oder dem Gebrüll der Männer unterbrochen wurde, die von einem Palast zum nächsten zogen, nach den Bewohnern riefen und Essen und Wein verlangten. Beim geringsten Anzeichen von Widerstand warfen sie ihre Opfer ins Gefängnis oder sperrten sie in ihren Häusern ein. Castruccio teilte seine kleine Truppe und entsandte seine Männer zum Schutz mehrerer Paläste, während er und Arrigo die ganze Nacht durch die Stadt ritten. Da sie das Losungswort des Kaisers hatten, gelang es ihnen, ein paar arme Tröpfe vor der Brutalität der Soldaten zu retten.

7. Kapitel (18)

Andere Truppen zogen durch die Straßen, drangen in die Paläste ein, zerstörten die prächtigen Möbel, feierten Gelage und rissen alles von den Wänden, das nach Gold oder Silber aussah. Diese unbändigen, aber bewaffneten Horden brachen die Keller auf, betranken sich an Italiens besten Weinen und waren danach noch erbarmungsloser darin, die wehrlose Bevölkerung zu unterdrücken. Ein paar dieser armen Menschen flüchteten aufs Land, andere verbarrikadierten sich in ihren Häusern und warfen ihren ganzen Besitz aus den Fenstern, um sich vor der Brutalität der Eroberer zu retten. Viele adlige Frauen suchten zunächst Zuflucht in den bescheidensten Hütten und hüllten sich in schäbige Kleider, aber schließlich machten ihnen die lüsternen Blicke und die Pöbeleien der Soldaten solche Angst, daß auch sie aufs Land flohen. In den Wäldern, die die Stadt umgaben, waren sie Hunger und Kälte ausgesetzt. Andere kümmerten sich nicht um irgendwelche Blicke, sondern folgten mit zerzaustem Haar und zerlumpten ...