6. Kapitel (23)

Aber in Frankreich und England mischt sich das Volk nicht in die Streitigkeiten der Adligen ein. Ich muß wohl Eure Vorstellungen anpassen – Eure zweitausend Sklaventreiber von Florenz wären nur einer, und ich fürchte, wenn es nur einen in jeder italienischen Stadt gäbe, oder auch nur zwei auf der ganzen Welt, würden sie gemeinsam Krieg und Blutvergießen anzetteln.“
„Das“, stöhnte Pepi, „ist für mich der große Nachteil an der Beschaffenheit der Welt! Wenn die Reichen ihre eigenen Interessen kennen würden, könnten wir dem Monster vielleicht Fesseln anlegen und die Freiheit wieder begraben! Aber sie sind alle dumm. Wenn die Reichen sich einigen könnten, wenn die wenigen Fürsten, die es auf der Welt braucht, sich zusammentäten statt zu streiten, würde ein Staat wie Florenz kein Jahr Bestand haben. Aber auch wenn die Vernunft eine Trompete hätte, die so laut wäre wie die, die uns am Jüngsten Tag wecken wird – das Klirren der Waffen dieser dummen Leute würde selbst diese übertönen! Wenn der Papst und Friedrich Barbarossa sich verbündet hätten, läge jetzt ganz Italien vor diesem Heinrich von Luxemburg auf den Knien. Und vielleicht wird es eines Tages so kommen. Die Tyrannei ist ein gesunder Baum, sie schlägt tiefe Wurzeln, und jedes Jahr werden ihre Äste größer und ihre Schatten länger! Freiheit ist nur ein Wort, ein Hauch, ein Luftzug, sie wird verdampfen, und Florenz wird ebenso unterwürfig werden, wie es jetzt rebellisch ist. Ist nicht auch Rom gefallen?“
„Ich weiß nur wenig über die Geschichte der Antike“, sagte Castruccio fröhlich, „aber ich kann mir gut vorstellen, daß seit Anbeginn der Welt Staaten aufgestiegen und gefallen sind. Wir sind blind, was die Zukunft betrifft, und es erscheint mir unsinnig, für längere Zeit als ein Menschenleben vorauszuplanen. Königreiche sind so zerbrechlich wie ein Porzellanschiff, das auf dem Ozean schaukelt, nein, sie sind sogar so schwach, daß angeblich die Sterne – diese dummen kleinen Pünktchen aus Licht – über sie herrschen, und oft, wenn sie sich auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes befinden, schickt Gott ihnen seine Plagen, die Pest oder ein Erdbeben, um sie für immer zu zerstören. Laßt uns nur für uns selbst arbeiten, wir mögen unbekannt oder berühmt sein, kriechen wie Würmer oder schweben wie Adler, je nachdem, ob unsere Wünsche groß oder klein sind!“

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