Posts

Es werden Posts vom Oktober, 2025 angezeigt.

6. Kapitel (18)

Seine Zügen wurden weicher, und er antwortete zunächst in mildem Ton, doch dann riß das Thema ihn so mit, daß er sich in Haßtiraden erging – das war seltsam bei jemandem, der in ruhigeren Momenten mehr wirkte wie ein Mann aus Holz oder Leder als aus Fleisch und Blut. „Mein lieber Freund, Ihr habt recht, ich hasse die Florentiner, aber ich finde es trotzdem schwierig, den Grund zu erklären, denn sie haben mich weder verwundet noch meinen Geldbeutel gestohlen oder mir ein anderes Unrecht dieser Art zugefügt. Aber ich bin Ghibelline, deshalb hasse ich sie. Wer würde nicht Leute hassen, die den Kaiser und alle rechtmäßige Herrschaft verachten?

6. Kapitel (17)

Zuletzt war Castruccio des Schweigens müde und bereit, sogar mit einem so abweisenden Geschöpf zu sprechen. Er fragte: „Messer Benedetto, Ihr wart gestern abend schon halb krank vor Haß auf die Florentiner. Ich habe guten Grund, sie zu hassen, denn sie haben dafür gesorgt, daß meine Familie verbannt wurde und Lucca zu den Städten der Ghuelfen in der Toskana gehört. Aber Ihr seid aus Cremona, einer Stadt, die durch viele Berge und Flüsse von Florenz getrennt ist. Woher kommt Euer Abscheu vor dieser Republik?“ Pepi sah Castruccio mit seinen kleinen Augen durchdringend an, als wolle er in seinem Herzen lesen und ergründen, was der eigentliche Grund für diese Frage war, aber die offene Art seines Begleiters wirkte sogar auf die verhärtete Seele dieses Mannes.

6. Kapitel (16)

Es war interessant, die Gesichter der beiden Reisenden zu vergleichen – es war ein Unterschied wie Tag und Nacht. Castruccio, der in der Schönheit der Landschaft schwelgte, die Augen voller Tränen, und neben ihm Pepis Gesicht mit den schroffen Zügen, das keine Regung zeigte. Seine kleinen funkelnden Augen blickten hierhin und dorthin, aber sonst ließ nichts erkennen, daß er fühlte oder dachte; sein Mund war verkniffen, seine Haltung steif und aufrecht, er drückte seinem Maultier die Fersen in die Flanken, und seine bescheidenen Reitkünste verrieten nur zu deutlich das Geheimnis, daß er in seiner Zeit beim Militär Fußsoldat gewesen war.

6. Kapitel (15)

Er vergaß Mailand, den Kaiser, die Guelfen und die Ghibellinen, und versank in Gedanken wie eine Biene im duftenden Kelch einer Rose. Als er wieder zu sich kam, errötete er, weil seine Augen feucht und seine Wangen von Tränen benetzt waren. Er sah sich hastig um und war erleichtert, daß sein Begleiter sich ein Stück hinter ihm befand. Er zügelte sein Pferd, damit Pepi ihn einholen konnte. Pepi näherte sich langsam.

6. Kapitel (14)

Tadeo und Castruccio diskutierten über die Gelegenheiten, die sich durch die neue Ordnung der Dinge in Italien bieten könnten, und Castrruccio gestand, daß er sich dem Gefolge des Kaisers anschließen wollte und hoffte, dadurch die Güter seines Vaters zurückzubekommen. Der Abend verging während dieser Gespräche, und sie begaben sich früh zur Ruhe. Am nächsten Morgen verabschiedeten sich Castruccio und Pepi von Tadeo und machten sich gemeinsam auf den Weg nach Mailand. Eine Weile ritten sie schweigend nebeneinander her. Castruccio war überwältigt von verschiedenen Gefühlen, als er wieder italienischen Boden unter den Füßen hatte. Es war Winter, die Landschaft war kahl, und ihre Weinreben und Kornfelder wirkten wie eine Wüste. Und dennoch dachte Castruccio, daß keine andere Gegend es an Schönheit mit dieser aufnehmen konnte, bis auf die Ebene von Lucca – so, wie er sich an sie erinnerte, als er sie das letzte Mal gesehen hatte – umgeben von Hügeln, die Stadt mit ihren vielen Türmen in...

6. Kapitel (13)

Und wenn alle Stricke reißen, werden sie ihn kaufen. Die Florentiner verschwenden ihre goldenen Florins und zahlen Tausende, um etwas zu erwerben, das selbst geschenkt zu teuer wäre. Ihr Motto ist das der Dummköpfe, über das die Klugen nur lachen können – Freiheit! Sicher hat der Vater der Lügen diese Falle erfunden, diesen Köder, bei dem die meisten anbeißen wie eine Maus bei einem Stück Käse. Es wäre ein Segen für die Welt, wenn sie das gleiche Ende finden würden – so wie bei der knabbernden Maus das Eisen zuschnappt, werden sie geköpft, als sie ihre Beute ergriffen – aber Florenz blüht!“ Pepi beendete seine Rede mit einem tiefen Stöhnen und versank in Gedanken.

6. Kapitel (12)

Diese Republikaner, die ich aus tiefster Seele verabscheue, haben die Ghibellinen hinausgeworfen und kämpfen nun Seite an Seite mit den Adligen und geben dem Pöbel ein Gefühl der Überlegenheit, bis jeder kleine Partisane meint, er wäre ein ebenso großer Fürst wie Kaiser Heinrich!

6. Kapitel (11)

Sogar Guido della Torre, der stolzeste und mächtigste Tyrann der Lombardei hat sich unterworfen; und am Hof des Kaisers in Mailand wimmelt es von den Herrschern der Städte im Osten Italiens sowie den Gesandten der freien Staaten des Südens.“ „Hat Florenz kapituliert?“ fragte Castruccio. „Nein, diese Stadt und ihre Verbündeten – Siena, Lucca und Bologna – harren aus. Aber wenn der Kaiser nach Süden marschiert, werden wir erleben, wie diese stolzen Republikaner in die Knie gehen.“ „Nie!“ rief Pepi. „Bologna, Lucca und Siena unterwerfen sich vielleicht, aber Florenz niemals. Die Florentiner haben steife Knie, steife Nacken und hassen den Namen des Kaisers mehr, als Papst Urban (Urban II. (ca. 1035 – 1099), Papst von 1088 bis 1099. Mary Shelley bezieht sich auf Urbans Konflikt mit Bischof Otto von Straßburg (†1100) aus dem Haus der Staufer und unterstützte zunächst den Gegenpapst Clemens III. (von dem er seine Weihe erhielt) und unterwarf sich 1096 Urban II. (Anm. d. Ü.)) das Haus...

6. Kapitel (10)

Die Herrscher von Langusco, Pavia, Vercelli, Novara und Lodi haben abgedankt und die Schlüssel ihrer Städte an Heinrich übergeben, und überall sind nun kaiserliche Statthalter eingesetzt.

6. Kapitel (9)

Pepi äußerte diese Tirade mit einer Energie und Lebhaftigkeit, die Castruccio verblüfften. Die schwarzen Augen funkelten, er zog die Brauen hoch und die faltigen Mundwinkel nach unten. Er musterte seine Begleiter mit triumphierender Miene. „Ihr sagt die Wahrheit, Messer Benedetto“, sagte Tadeo und stöhnte über die schrecklichen Vorhersagen seines Freundes. „Und ich fürchte sehr, daß diese vermeintliche Gerechtigkeit der Vorwand für Krieg und Blutvergießen sein wird. Aber jetzt sieht alles nach Frieden und Brüderlichkeit aus.

6. Kapitel (8)

Für jemanden, der sich für Politik interessiert, wäre es eine gute Gelegenheit, darüber zu sinnieren, was die Krönung dieser Täuschungsmanöver sein wird – und was wirklich dahintersteckt.“ „Warum“, fragte Castruccio, „sollten sie nicht so sein, wie sie wirken? Kann der Kaiser nicht tatsächlich großzügig und von dem Wunsch beseelt sein, alle Parteien durch gerechte Behandlung miteinander zu versöhnen?“ „Unmöglich!“ rief Pepi heftig. „Ein Kaiser gerecht! Ein Fürst unparteiisch! Fußen nicht Throne auf Uneinigkeit und Streit? Und müssen nicht die Leute schwach sein, damit der Herrscher seine Macht behält? Ich prophezeie – als zurückhaltender Mensch tue ich das nur selten – aber jetzt sage ich ohne jeden Zweifel voraus, daß Heinrich ganz Italien ins Chaos stürzen wird, um die Früchte der Zwietracht zu ernten. Er will alle Exilanten zurückrufen – ein geschickter Schachzug, den sich alle merken sollten, die herrschen wollen! Können Ghibellinen und Guelfen innerhalb der Mauern derselben St...

6. Kapitel (7)

Ihr, mein lieber Gefährte, sagt, daß Ihr ein Verbannter seid, aber in Italien finden zur Zeit große Veränderungen statt, und da wir wissen, wer Ihr seid, können wir Euch den Inhalt des Gesprächs anvertrauen, das ich und Messer Tadeo geführt haben, als Ihr hereingekommen seid. Es ging um all das, was passiert ist, seit Kaiser Heinrich in Italien eingetroffen ist.“ Bei diesen Worten gab Benedetto seinem Freund ein unauffälliges Zeichen. Castruccio bemerkte es aber doch und erriet leicht, daß es eine Ermahnung war, vorsichtig mit Auskünften zu sein. Tadeo beantwortete das Zeichen mit einem Nicken und sagte: „Zwei Wucherer aus Florenz, die durch Mailand gereist sind, haben gestern bei mir zu Abend gegessen. Sie haben gesehen, wie der Kaiser in die Stadt gekommen ist. Der Signore (https://de.wikipedia.org/wiki/Signoria) von Mailand, Guido della Torre , war gezwungen, seine Soldaten zu entlassen und trat unbewaffnet an der Spitze einer ebenfalls unbewaffneten Menge dem Kaiser entgegen. D...

6. Kapitel (6)

Viele Komplimente wurden ausgetauscht, und dann sagte der Reisende: „Diese erfreuliche Entdeckung hat drei Menschen zu Freunden gemacht, die zuvor Fremde waren. Ich will Euch, Messer Castruccio, nicht verheimlichen, daß ich Benedetto Pepi heiße und aus Cremona komme. Ich kehre jetzt in mein Heimatland zurück, nachdem ich unter Messer Scotos Banner Lorbeeren gewonnen habe und zum Ritter geschlagen wurde.

6. Kapitel (5)

„Ja“, erwiderte Castruccio, „ich hatte die Ehre, unter dem edlen Ritter Messer Alberto Scoto zu dienen. Und indem ich Euch einen Dienst erwiesen habe, bin ich noch glücklicher, daß ich jemanden gerettet habe, der mit mir unter der gleichen Flagge gekämpft hat.“ „Ist Euer Name ein Geheimnis?“ „Ich stamme aus einer adligen Familie aus Lucca, die jetzt im Exil ein Nomadenleben führt, und heiße Castruccio Castracani dei Antelminelli.“ Der älteste Reisende erhob sich plötzlich, umarmte Castruccio, gab ihm einen brüderlichen Kuss und sagte dann zu Tadeo: „Heute Morgen habe ich Euch einen Fremden vorgestellt, der mir – unter Gefahr für sein eigenes – das Leben gerettet hat; jetzt stelle ich Euch einen tapferen Soldaten vor, dessen Name in Frankreich in aller Munde war – als der des tapfersten Kriegers und fähigsten Anführers, der in den Niederlanden gekämpft hat. ,Sieur Castruccioʻ ist ein Name, den sogar die Kinder in Frankreich dankbar lispeln und der den Flamen Angst macht, wenn sie ih...

6. Kapitel (4)

Nach einer Weile hob Castruccios Reisebegleiter den Finger, fuhr über seine faltigen Wangen und sprach auf geheimnisvolle Weise das Wort aus, das Alberto Scotos Soldaten gesagt worden war, damit sie einander in der Dunkelheit der Nacht oder im Durcheinander eines Schlachtgetümmels erkannten. Castruccio hörte es und begriff, daß sein fremder Reisebegleiter ein Kriegskamerad und ein Freund seines Anführers war. Er lächelte und nannte die vereinbarte Antwort. Der andere wandte sich ihm zu, als sei ihm ein Geist erschienen, und fragte hastig: „Ihr habt also in dieser Truppe gedient?“

6. Kapitel (3)

Als die lange Zeremonie der Mahlzeit zu Ende war und die Diener die Tische abräumten, schlug Messer Tadeo den eben angekommenen Gästen vor, sich in ein Schlafzimmer zu begeben und sich von den Strapazen der Reise zu erholen. Beide nahmen das Angebot gern an. In einem tiefen erholsamen Schlaf vergaß Castruccio seine Neugier darauf, wer oder was sein Begleiter sein mochte, und letzterer entspannte sich nach der schrecklichen Angst, die er seit seiner Flucht am Vortag ausgestanden hatte. Als Castruccio gegen sechs Uhr abends wieder aufstand, ging er zu Messer Tadeo, der mit dem anderen Reisenden in der Halle saß. Der Rest der Gesellschaft war aufgebrochen, und diese beiden waren in ein ernstes Gespräch vertieft. Sie wechselten das Thema, als Castruccio eintrat.

6. Kapitel (2)

Er führte sie in eine große Halle, wo der Anblick eines Festmahls die beiden Reisenden erfreute. Die Halle war mit scharlachrotem Tuch verhangen und die Tische und Stühle mit Tapisserien bedeckt. Am Kopfende des Raumes befand sich ein Kamin, in dem ein Feuer brannte. Messer Tadeo setzte sich daneben und forderte die Neuankömmlinge auf, am Tisch Platz zu nehmen, wo schon mehrere seiner Freunde saßen.

6. Kapitel (1)

Messer Tadeo empfing seinen alten Freund herzlich und hieß auch Castruccio willkommen.

5. Kapitel (34)

„Mein Herr“, sagte sein Begleiter, „ich bin in Susa kein Fremder und habe dort einen guten alten Freund, Messer Tadeo della Ventura. Die Florentiner und andere Italiener, die diesen Berg überqueren, um Handel zu treiben, kennen ihn gut. Dieser ehrenwerte Mann wird mich als alten Freund und Gast empfangen, und da Ihr mir so großmütig und tapfer das Leben gerettet habt, muß ich Euch Messer Tadeos Gastfreundschaft empfehlen. Er bietet weiche Sofas und gute Weine.“ „Das Angebot kann ich nicht ablehnen; weiche Sofas werden meinen schmerzenden Gliedern gut bekommen und guter Wein meinen müden Geist beleben! Deshalb, edler Ritter, danke ich Euch!“

5. Kapitel (33)

Die verängstigten Pferde weigerten sich oft, weiter zu gehen und in die finsteren Schatten vorzudringen, die die Berge warfen und damit sogar den Schnee verdunkelten. Sie ritten langsam und vorsichtig weiter und stellten am nächsten Morgen fest, daß sie keine großen Fortschritte gemacht hatten. Es war schon fast Mittag, als sie Susa erreichten. Sie hatten die Gefahren des Weges hinter sich und der ältere Reisende fand seine Stimme und seine Erinnerung wieder. Er ritt zu Castruccio und fragte ihn, wo er sich nach den überstandenen Strapazen ausruhen wollte. Castruccio erwiderte, daß er hoffe, ein Gasthaus in der Stadt zu finden. Wenn nicht, würde er in einem Kloster Zuflucht suchen – er hegte keinen Zweifel, dass er dort Essen und Obdach für einen Tag und eine Nacht finden würde.

5. Kapitel (32)

Manchmal sieht ein Strahl aus wie ein fließender Bach, und die schwarzen Schatten verbergen die schlimmsten Gefahren! Ich wage es nicht, bei Mondschein weiterzureisen, schon gar nicht auf diesem schrecklichen Weg! Ich bitte Euch inständig, daß wir die Nacht in dem Haus dort verbringen!“ „Einverstanden – wenn es wirklich ein Haus ist und nicht ein Schafstall ohne Dach! Ich glaube, in dieser Gegend findet man kaum ein Bett, das weicher ist als der Felsen, oder ein besseres Dach als den mondhellen Himmel!“ Die Hütte war verschlossen, und die Bewohner schliefen. Aber die schrille Stimme des älteren Reisenden weckte einen Mann. Er rappelte sich von seinem Bett aus getrocknetem Laub und Schaffellen auf und öffnete die Tür. Er hieß die Reisenden willkommen und blies in die Asche eines verlöschenden Feuers mitten im einzigen Zimmer der Hütte. Es loderte wieder auf und warf ein Licht auf die Wände der trostlosen Unterkunft. Rauch stieg empor und stieg zur Decke; nur ein wenig entwich durch ei...

5. Kapitel (31)

Er hatte goldene Sporen wie ein Ritter und auf seinem Sattelknauf lag, sorgfältig gefaltet, ein prächtiger Mantel mit goldenem Saum. Er trug ein enges Gewand aus fadenscheinigem Stoff, enge Hosen aus primitivem Schafsleder, gehalten von vielen Knoten und Schnüren um die Beine, einen Umhang mit Kapuze aus rauem Flanell, genannt sclavina, weil es in Slawonien hergestellt wurde. Zu jener Zeit trugen es die ärmsten Schichten Italiens. Seine Füße steckten in großen plumpen Stiefeln aus Schafsleder – ein besonderer Kontrast zu den goldenen Sporen! Auf seinem Kopf saß ein eiserner Helm, der damals majata genannt wurde. Die Sonne ging unter, als sie ihren Weg fortsetzten. Plötzlich sah Castruccios Begleiter ein Haus, das nicht weit weg war. Er zeigte darauf, zügelte sein Maultier und fragte, ob sie nicht dort übernachten wollten? „Nein“, sagte Castruccio, „in einer halben Stunde geht der Mond auf und da gerade Vollmond ist, denke ich, daß wir unbesorgt weiterreisen können.“ „Verlasst Euch ...

5. Kapitel (30)

Er hatte kleine, schwarze, funkelnde Augen, eine Stupsnase, sein Mund war nur ein Strich im Gesicht, verzog sich nicht und wies an jedem Winkel drei tiefe Falten auf. Seine Augenbrauen waren hochgezogen, als wäre er eitel, doch die flache hohe Stirn kündete von viel Verstand. Er war groß und schlank, aber trotzdem muskulös, und seine Kleidung sprach für eine Mischung aus Armut und hohem Rang, was Castruccio amüsierte.

5. Kapitel (29)

Und Castruccio lächelte, weil er verstand, daß er mit diesen drei Worten sagen wollte, daß er nicht von Italiens Charme bezaubert war. Sie ruhten sich aus, bis der unglückliche Reisende sich erholt hatte. Dann ging es weiter bergab, meistens schweigend, denn der Weg war zu gefährlich, um irgendeine Ablenkung zu riskieren. Aber als Castruccios es wagte, den Blick von den Hufen seines Pferdes zu heben, konnte er nicht umhin, sich den Begleiter, den ihm die Vorsehung geschickt hatte, genau anzusehen. Es war ein Mann, den man – seinem runzligen Gesicht nach zu urteilen – auf fast sechzig Jahre geschätzt hätte, aber angesichts seiner Beweglichkeit und weil der Rest seiner Gestalt jünger wirkte, konnte er höchstens vierzig sein.

5. Kapitel (28)

Castruccio beruhigte ihn mit sanften Worten und versicherte ihm, daß der schlimmste Teil der Reise vorüber sei und sie gleich auf einem leichteren Weg auf die Ebene Italiens gelangen würden. „Dort“, sagte er, „findet Ihr ein Paradies, das all Eure Leiden heilen wird.“ Die Miene des Mannes zeigte eine Mischung aus Erstaunen und etwas, das vielleicht Verachtung gewesen wäre, wenn seine Gesichtsmuskeln, die vor Kälte und Angst eingefroren waren, ihm gehorcht hätten. Er antwortete trocken: „Ich bin Italiener.“

5. Kapitel (27)

Hier war es weniger bedrohlich. Er saß wieder auf und ritt vorsichtig am Rand des Vorgebirges entlang, als er eine Stimme hinter sich hörte. Es klang wie ein Hilferuf. Eilig stieg er ab, band sein Pferd an einen Felsvorsprung und kehrte zu dem Abgrund, an dem er gerade mit solchen Schwierigkeiten vorbeigekommen war. Dort sah er ein Maultier, das seelenruhig am Straßenrand stand, aber an dem steilen Abhang erblickte er ein Paar Füße und entdeckte einen Mann, der sich mit aller Kraft an eine Unebenheit des Berges klammerte. Der Mann wollte wieder um Hilfe rufen, doch diesmal versagte ihm die Stimme. Castruccios Diener war weit zurückgeblieben, und so sah er sich allein vor der gefährlichen Aufgabe, den Unglücklichen aus dieser schrecklichen Lage zu befreien. Er band seine Schärpe los, befestigte ein Ende am Sattelgurt des Maultiers, nahm das andere in die Hand und warf es dem Mann zu. So gelang es ihm unter großen Mühen, den armen Kerl nach oben zu ziehen, der kreidebleich und mit verze...

5. Kapitel (26)

An einigen Stellen lagen sogar Gliedmaßen waghalsiger Gemsen, deren sichere Hufe im Schnee ein Fehltritt unterlaufen war, und Castruccios Herannahen schreckte die Raubvögel auf, die sich an den halbgefrorenen Kadavern labten. Ein Paß war besonders gefährlich: Die Straße war in den Abhang eines Berges gehauen, und die Felsen überragten den Bach, der in der Tiefe durch das Tal rieselte. Von hier oben konnte man ihn gar nicht sehen. Der Berg war tiefschwarz, bis auf die zerklüfteten Stellen, die von Schnee bedeckt waren, und es ging so steil bergauf, daß dem Reisenden schwindlig wurde. Der Pfad war schmal, und da er nach Süden führte, war der Schnee, der ihn bedeckte, ein wenig geschmolzen und dann wieder gefroren. So war der Weg glitschig und gefährlich. Castruccio saß ab, schaute bewußt nicht in die Tiefe und führte sein Pferd langsam weiter, bis der Weg breiter wurde und der Anblick einiger Pinien den Schrecken der Umgebung milderte.

5. Kapitel (25)

Die Pfade der Täler führten bergauf und waren beinahe unpassierbar. Ständige Schneeschauer verdeckten jede Spur, und nur ein paar vereinzelte Pfähle wiesen dem Reisenden den Weg auf seiner gefährlichen Expedition. Der Geier verließ sein Nest in den Felsen und kreischte hoch oben, als wolle er dem kühnen Abenteuer, der es wagte, ihn bei der Jagd zu stören, sagen, daß seine gebrochenen Glieder der Tribut seien, den er ihm, dem König dieser Gegend, schuldete.

5. Kapitel (24)

Dann und wann kreiste ein Adler über einer Schlucht, und ab und zu sah man eine Gemse auf den steil abfallenden Felsen. Die riesigen Pinien bogen sich unter dicken Schneeschichten, und die stillen Bäche und zugefrorenen Wasserfälle verschwanden fast unter der weißen Masse.

5. Kapitel (23)

Castruccio befolgte Scotos Rat. Er nahm liebevoll Abschied von ihm und empfing wieder den höflichen Dank des französischen Monarchen. Er wurde mit kostbaren Geschenken überschüttet und bekam ein Schwert aus feinstem Stahl, der Griff und die Scheide waren mit Juwelen verziert, aus der Hand der Königin. Er übergab all diese Kostbarkeiten einem italienischen Kaufmann, damit dieser sie nach Italien brachte. Er selbst ritt in Begleitung eines Dieners – und eines Maultiers, das seine Waffen trug. Es ging langsam vorwärts. Nach ein paar Wochen erreichten sie den äußersten Südosten von Frankreich. Sie näherten sich den wunderschönen Alpen, der Grenze seines Heimatlandes. Die weißen Gipfel leuchteten, und in den Schluchten herrschte die tiefe Stille eines Winters im Gebirge. Als Castruccio in diese einsame Gegend vordrang, fand er keine Spuren von menschlichem Leben mehr vor, ja kaum von tierischem.

5. Kapitel (22)

Das waren die Lehren von Scoto, und der Leser wird mir leicht verzeihen, wenn ich sie nicht so oft wiederhole oder so ausführlich darlege, wie Scoto selbst es tat. Castruccio lauschte neugierig, halb ärgerlich und halb überzeugt. In diesen Tagen wurde die Saat des Könnens gesät, das aufblühte und ihn zu Macht und Ruhm führen würde. Als der Winter sich seinem Ende näherte, sagte Scoto zu ihm: „Ich wünschte, mein junger Freund, daß du auf einen weiteren Feldzug unter meinem Banner mitkommen würdest, und daß ich weiterhin deine Gesellschaft genießen könnte, aber das Schicksal will es anders, und du mußt nach Italien. Heinrich von Luxemburg (Heinrich VII. (1278 oder 1279 – 1313), 1312 bis zu seinem Tod römisch-deutscher Kaiser. Er stammte aus dem Haus Luxemburg (Anm. d. Ü.)), der jetzt Kaiser von Deutschland ist, rückt in die Richtung dieses Landes vor, und er wird die Trümmer der Partei der Ghibellinen einsammeln und versuchen, ihnen wieder zur Macht zu verhelfen. Ihr seid ein Ghibelline...

5. Kapitel (21)

Della Torre war von seinen Ängsten erlöst, denn er fürchtete das deutsche Gold mehr als die Bestrafung seiner Sünden, und er belohnte Marco so, wie er es versprochen hatte.“

5. Kapitel (20)

Und dann stellte er die beiden Fragen, wie Della Torre es verlangt hatte. Visconti war scharfsichtig und gerissen und sagte: ,Meine Situation paßt zu mir, weil ich mich ihr anpasse. Sagt das Eurem Herrn, Messer Guido Della Torre, der Euch geschickt hat, und sagt ihm auch: Wenn er mehr Verbrechen begangen hat als ich, ist es Gottes Wille, daß ich nach Mailand zurückkehre.ʻ

5. Kapitel (19)

,Nur zu gernʻ, antwortete Visconti, ,wenn ich kann, aber glaubt nicht, sie von mir zu bekommen, denn ich habe keine.ʻ ,Edler Grafʻ, sagte Marco, ,beantwortet mir zwei Fragen, dann bekomme ich diese Gaben als Lohn für Eure Antworten.ʻ

5. Kapitel (18)

Marco übernahm diese Aufgabe mit Freuden und besuchte das Schloß St. Columban. Visconti war schlecht gekleidet, unterernährt und hatte nur wenige Begleiter, die auch noch alt und verkrüppelt waren; sie konnten keinen Kriegsdienst mehr leisten und waren zu faul zum Arbeiten; sie würden unter seinem Dach hungern. Seiner Frau ging es noch schlechter, sie hatte nicht einmal eine Dienerin dabei, und ich habe gehört, daß sie nur einen Kapuzenmantel hatten, den sie und ihr Mann abwechselnd trugen. Marco blieb nur kurz auf dem Schloß, weil er nichts zu essen bekam, aber als er sich von Visconti verabschiedete, bat er ihn, ihn zu einem Pferd und einem seidenen Gewand zu verhelfen.